Tschechische Gastschülerin in Sachsen: Es war etwas komplett anderes

Nina Rudišová

Nina Rudišová ist 16 Jahre alt und besucht das Professor-Jan-Patočka-Gymnasium in Prag. Sie interessiert sich für Chemie und möchte dieses Fach später einmal studieren und künftig im Bereich Medizin oder Pharmazie tätig sein. Wie viele andere Schülerinnen und Schüler in ihrem Alter ging Nina in diesem Schuljahr ins Ausland, um einen anderen Lebensstil auszuprobieren. Fünf Monate verbrachte sie in Ebersbach in Sachsen. In einem Interview mit RPI hat sie über ihre Erfahrungen und Eindrücke berichtet.

Nina, Sie haben die erste Hälfte dieses Schuljahres nicht in Prag verbracht, sondern in Deutschland. Warum haben Sie sich gerade für Deutschland entschieden?

„Ich habe eine Beziehung zu Deutschland, weil mein Vater in Berlin wohnt. Deswegen wollte ich nach Deutschland hingehen, aber nicht in eine Großstadt. Ich habe in meiner Schule gefragt, was für Optionen es gibt. Und unsere Schuldirektorin hat mir gesagt, dass wir eine Partnerschule in Sachsen haben, in Zittau, und hat mich gefragt, ob ich da gehen will. Und ich habe ja gesagt.“

Welche Möglichkeiten gibt es eigentlich für die Schüler hierzulande, ins Ausland zu gehen? Es gibt ja das Programm Erasmus+, dieses läuft aber nicht an allen Schulen. Waren Sie die Einzige in der Klasse, oder haben sich mehrere Ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler ein Ziel ausgesucht?

„An meiner Schule gibt es kein Erasmus+, aber jeder kann sich etwas finden und ins Ausland gehen. Jedes Jahr sind das mindestens 20 Leute, würde ich sagen. Aus meiner Klasse waren es sechs oder sieben, vielleicht acht. Und fast alle fahren nach Nordamerika. Aber ich war trotzdem nicht die Einzige, die in Europa war. Ein Junge aus meiner Klasse war in Dänemark, eine meiner Freundinnen in Berlin. Und ein Mädchen ist gerade jetzt in Wien.“

Was war Ihre wichtigste Motivation, um nach Deutschland zu gehen? War es, die Sprache besser zu bewältigen? Oder hatten Sie auch noch andere Gründe, in einem fremden Land zu leben?

„Eine Motivation war natürlich die Sprache. Aber das war nicht das wichtigste. Ich wollte einen anderen Lebensstil ausprobieren, wie zum Beispiel in einem Dorf zu leben. Das ist etwas komplett anderes für mich, weil ich hier im Stadtzentrum wohne.“

Sie wohnten also nicht direkt in Zittau, wo die Schule war, sondern irgendwo in der Umgebung?

„Die Schule war auch nicht in Zittau, sondern in Ebersbach. Die Doppelstadt Ebersbach-Neugersdorf ist ungefähr 30 Kilometer von Zittau entfernt.“

Sie sind im Sommer nach Deutschland gekommen. Was waren Ihre ersten Eindrücke?

„Es war alles anders für mich, aber das war sehr interessant. Denn meine Gastfamilie hatte ein Feld, ein riesiges Haus, zwei Kätzchen. Das war echt eine große Überraschung. Die ersten Eindrücke waren schön.“

War es für Sie schwierig, sich dort in dem Schulsystem zu orientieren? Hat Sie dabei jemand unterstützt?

„Meine Freunde haben mir geholfen, aber das Schulsystem war okay. Ich habe fast alles ziemlich schnell verstanden. Es ist sehr ähnlich wie hier in Tschechien, nur hatten wir eine Frühstückspause, die gibt es hier nicht. Und die Pausen waren kürzer als hier.“

Waren Sie die einzige Tschechin dort in der Schule oder in der Klasse, beziehungsweise die einzige Gastschülerin aus dem Ausland?

„Ich war die einzige Gastschülerin, aber es gehen da mehrere tschechische Leute auf die Schule. Es gab auch drei Slowaken. Manche sind auch halb deutsch, halb tschechisch oder halb slowakisch, halb polnisch. Ich war also nicht die einzige Tschechin.“

War Deutsch während des Unterrichts eine Sprachbarriere für Sie?

„Nein, das würde ich nicht sagen. Aber manchmal, zum Beispiel beim Matheunterricht, gab es einige Fachbegriffe, die ich nicht verstanden habe.“

Ich weiß, dass Sie sich stark für Chemie interessieren, dass das Ihr Schwerpunkt hier in Prag ist. Wie war der Chemieunterricht dort? Kann man das vergleichen?

Nina Rudišová | Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

„Er war ein bisschen einfacher, aber der Lehrer war sehr gut. Und ich habe an einem Programm teilgenommen, in dem ich zweimal an einer Hochschule war und auf einer Online-Präsentation von der Hochschule. Das war auch sehr interessant.“

Wie haben Sie sich in der Schule eingefunden? War es schwierig, etwa Kontakte zu knüpfen? Gab es besonders große Herausforderungen?

„Für mich war es einfach, Freunde zu finden, weil ein Mädchen aus meiner Gastfamilie in die gleiche Klasse ging wie ich. Deswegen konnte ich alle ihre Freunde treffen und mich auch mit ihnen anfreunden. Mit den anderen Leuten… Ich glaube, alle wissen, wie es jetzt in Ostdeutschland aussieht. Es gab einige Leute, die mich nicht gemocht haben, weil ich so alternativ bin.“

Wie haben Sie reagiert?

„Ich habe die einfach ignoriert. In Zittau gibt es jeden Montag einen AfD-Protest. Fast alle meine Freunde waren alternativ, so wie ich. Das war dann kein gutes Gefühl, bei den Protesten draußen herumzulaufen.“

Sie haben die Gastfamilie erwähnt. Wie sah eigentlich Ihr Alltag aus? Haben Sie viel Zeit mit ihnen verbracht?

„Meine Gastfamilie hatte vier Kinder. Ein Junge war 19, der andere 16 oder 17. Das Mädchen war 15, also ein Jahr jünger als ich. Und das letzte Mädchen war elf. Sie gingen alle auf die gleiche Schule, außer der Jüngsten, die immer noch auf einer Grundschule ist.“

Hatten Sie im Rahmen dieses Programms auch andere Pflichten, außer zur Schule zu gehen?

„Nein. Aber ich musste meine Schule hier in Prag nachholen, das war schwierig. Außerdem war die Schule dort weit entfernt, deswegen musste ich jeden Tag um 5.30 Uhr aufstehen oder noch früher. Das war schon eine Herausforderung für mich.“

Die Schule oder die Gemeinde liegt in der Nähe der tschechischen Grenze. Sind Sie die ganze Zeit dort geblieben? Oder sind Sie gependelt und haben Ihre Familie in Prag oft besucht?

„Ich war mehrmals in Prag. Ich war auch in Berlin, in Dresden und in anderen Städten. Aber nach Prag bin ich immer gefahren, wenn es irgendetwas Wichtiges hier gab, wie zum Beispiel unser Schulfest.“

Wie würden Sie die Atmosphäre in Ebersbach beschreiben? Ist dort zu spüren, dass Tschechien ganz nahe liegt?

„Es gibt viele Leute, die sehr freundlich sind, aber auch Leute, die gar nicht so freundlich sind. Manchmal gab es einige Situationen, die ein bisschen komplizierter waren, aber trotzdem war es okay.“

Haben Sie mitbekommen, wie Tschechen dort wahrgenommen werden?

„Ich glaube, mit Leuten aus Polen und Tschechien haben die Deutschen kein Problem. Aber wenn es um Leute zum Beispiel aus der Türkei oder aus Asien geht, haben manche aus irgendeinem Grund Probleme damit.“

Was war der wertvollste Aspekt dieser Erfahrung? Was hat Ihnen besonders gefallen?

„Ich habe neue Kontakte geknüpft. Ich habe jetzt Freunde in Deutschland, Freunde in Dresden. Und das ist etwas, was ich auch später im Leben nutzen kann. Ich kann sie treffen und besuchen. Das ist sehr wertvoll, würde ich sagen.“

Würden Sie so einen Auslandsaufenthalt Ihren Mitschülern empfehlen?

„Wenn sie etwas Neues probieren wollen, dann ja. Aber wenn nicht…“

Man braucht ein bisschen Mut, oder?

„Ja, weil es einfach etwas komplett anderes ist.“

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