Gastlandauftritt in Frankfurt: 75 Tschechische Autoren fahren zur Buchmesse
Im Oktober ist es soweit: Tschechien tritt als Gastland bei der Frankfurter Buchmesse auf. Am Rande des Prager Branchenevents Svět knihy haben die Organisatoren Mitte Mai das Programm für den Auftritt bei der größten Literaturmesse der Welt vorgestellt. Radio Prag International hat darüber mit Martin Krafl, dem Leiter des Literaturzentrums CzechLit und Programmdirektor von Czechia 2026, gesprochen.
Herr Krafl, die Frankfurt Buchmesse rückt immer näher. Wie groß ist Ihre Vorfreude?
„Die ist riesig, aber das schon seit Monaten. Eigentlich arbeite ich mit meinem Kolleg*innen aus der Mährischen Landesbibliothek, dem Kulturministerium und dem Tschechischen Literaturzentrum bereits seit acht Jahren an dem Auftritt. Das ist schon eine lange Zeit.“
Sie haben heute bei der Svět knihy die Namen der Autoren vorgestellt, die nach Frankfurt fahren werden. Wie viele Namen sind das?
„Wir bringen 75 Autor*innen nach Frankfurt. Es gibt einen entscheidenden Unterschied zum Gastlandauftritt in Leipzig 2019. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte man jährlich etwa fünfmal die Gelegenheit, ein tschechisches Buch in einer neuen deutschen Übersetzung zu lesen. Wir haben 2019 insgesamt 55 Autor*innen mit 80 Übersetzungen nach Leipzig gebracht. Da war das Allerbeste der tschechoslowakischen und tschechischen Literatur dabei. Diese Bücher gibt es nun bereits auf dem deutschen Markt, und wir mussten neue finden. Ich bin stolz darauf, dass wir heute 124 Neuerscheinungen in deutscher Sprache vorliegen haben. Das ist eine wunderbare Nachricht. Denn Sie bedeutet, dass sehr viele Debut-Autor*innen nach Frankfurt fahren. Für sie freue ich mich sehr, denn diese Chance ist einzigartig.“
Wie haben Sie die Autoren ausgewählt?
„Eines der Kriterien war eine neue Übersetzung in die deutsche Sprache. Bei manchen Autor*innen konnte es aus verschiedenen Gründen auch Ausnahmen geben, etwa, wenn eine oder zwei Übersetzungen ins Englische vorlagen. Die Entscheidung lag beim dramaturgischen Beirat. Betrachtet wurde der Zeitraum 2024 bis 2026. In dieser Zeit wurde die Übersetzung der tschechischen Literatur in andere Sprachen vom Kulturministerium in Prag mit 30 Millionen Kronen (1,2 Millionen Euro) unterstützt. Das hat natürlich sehr geholfen. Und wir haben noch etwas anders gemacht als in Leipzig. Denn 2019 waren natürlich bereits sehr viele Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vertreten. Sie waren oft aber nicht bereit, zu den bei ihnen erschienen Übersetzungen auch Veranstaltungen durchzuführen. Beim jetzigen Gastlandauftritt in Frankfurt achten wir deshalb darauf, dass die Verlage mit an Bord sind. Für die Veranstaltungen mit den tschechischen Autor*innen können sie auch finanzielle Unterstützung von uns erhalten.“
Sie haben gerade die Zahl von 124 Übersetzungen erwähnt. Das Interesse an der tschechischen Literatur steigt also durch den Gastlandauftritt?
„Ja, und das freut mich wahnsinnig. Zugleich bedeutet das eine große Verantwortung. Wir können im Oktober in Frankfurt ein Feuerwerk zünden. Aber wenn wir danach ab November keine Streichhölzer mehr kaufen können, haben wir ein Problem. Das Feuerwerk ist auf jeden Fall vorbereitet, und wir hoffen, dass alles gut abläuft. Aber auch danach erwartet uns sehr viel Arbeit. Ich hoffe, dass dies ebenso das Kulturministerium versteht und seine Unterstützung beibehält. Denn ohne diese geht es nicht. Und dabei spreche ich nicht nur vom deutschsprachigen Markt, sondern auch vom englischsprachigen. Der ist ab 2027 unsere nächste Priorität. Wir werden uns dann auch auf die spanisch- und französischsprachigen Märkte konzentrieren.“
Sie haben in den letzten Monaten einen „Roman für Frankfurt“ gesucht. Haben Sie ihn gefunden?
„Die Idee entstand vor zwei Jahren. Wir dachten uns, dass es vielleicht sehr viele Autor*innen gibt, die irgendwo in der Schublade noch ein Manuskript haben, sich aber denken, dass dieses keine Chance habe und es deshalb nie einem Verleger gezeigt haben. Der Rücklauf hat uns überrascht. Wir haben jetzt 294 Bücher auf dem Tisch. Die Jury ist angesichts dieser Zahl auch ein wenig im Schock. Denn ihre Mitglieder müssen jetzt sehr fleißig all diese Texte lesen. Der Gewinner muss bis Ende August feststehen. Er wird nach Frankfurt kommen, dort sein Buch vorstellen und erhält vom Tschechischen Literaturzentrum Übersetzungen von Auszügen in spanischer, französischer, englischer und deutscher Sprache. Mich freut besonders, dass unter den Personen, die diese Romane eingereicht haben, nicht nur neue Namen sind. Es sind auch die Stars darunter. Das zeigt, dass das Projekt ein großes Potenzial hat. Es gibt fast 300 neue Bücher, die auf dem Markt sein könnten, und das ist eine gute Nachricht.“
Das ausgewählte Buch wird also bis zur Frankfurter Buchmesse nicht erschienen sein?
„Da bin ich mir nicht sicher. Die Bedingung war, dass es bis zur Einreichung noch nicht veröffentlicht wurde. Es besteht also schon die Möglichkeit, dass es bis Frankfurt in tschechischer Sprache erscheint. Denn wenn die Autor*innen Verlage finden, die ihre Werke für spannend halten, ergreifen sie diese Chance natürlich.“
Die tschechische Literatur ist nicht nur im Herbst bei der Frankfurter Buchmesse zu Gast. Es gibt ein ganzes Jahr der tschechischen Kultur. Auf was darf man sich alles freuen?
ZUM THEMA
„Am besten ist es, das Programm auf unserer Website unter www.czechia2026.com einzusehen. Seit Oktober 2025 bis Ende dieses Jahres finden 94 Veranstaltungen im deutschsprachigen Raum statt. Eine große Hilfe ist dabei der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds, der die Sonderausschreibung ‚Der Weg zu uns‘ ins Leben gerufen hat. Einzelne Programmpunkte zu erwähnen, ist schwierig. Wir haben 52 Kooperationspartner im deutschsprachigen Raum. Als ein Beispiel kann ich vielleicht eine Ausstellung im Museum für Kommunikation in Frankfurt anführen. Sie beschäftigt sich mit dem Thema der Samisdat-Literatur. Denn wir haben festgestellt, dass viele Menschen in Westdeutschland nichts mit dem Thema anfangen können – anders als in der ehemaligen DDR. Das Museum für Kommunikation war begeistert von der Idee. Die Ausstellung beginnt Mitte August und dauert bis Ende Januar 2027. Wir werden dabei erklären, was Samisdat-Literatur eigentlich ist. Es wird aber nicht nur um die Geschichte gehen, etwa darüber, wie Bücher geschmuggelt wurden, sondern wir werden uns auch mit dem Gedanken beschäftigen, ob Samisdat eigentlich etwas Aktuelles ist – etwa mit Blick auf den Krieg in der Ukraine oder den Iran-Konflikt. Einen Kern bildet dabei die Frage, ob es sein kann, dass wir in Mitteleuropa wieder einmal Bücher schmuggeln müssen. Das ist auf jeden Fall ein sehr spannendes Thema. Und was davon abgesehen die einzelnen Lesungen angeht, kann ich etwa eine Veranstaltung mit tschechischen Schriftsteller*innen im Haus Gutenberg in Liechtenstein nennen. Im Juni sind unsere Autor*innen dann etwa beim Festival literaTurm in Frankfurt und beim Comic Salon in Erlangen.“
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